Bonn, April 2026
Präambel
FAIR’N GREEN, der Verband für nachhaltigen Weinbau, vereint knapp 200 Mitglieder aus 11 Ländern entlang der gesamten Wertschöpfungskette Wein. Auf dem Weg zu ganzheitlicher Nachhaltigkeit gibt es viele Wege und es ist unser zentraler Anspruch als Verband, alle Mitglieder auf ihrem individuellen Weg mitzunehmen.
Wir erkennen ausdrücklich an, dass es beim Thema entalkoholisierter Wein nicht den einen richtigen Weg gibt. Sowohl die bewusste Entscheidung für die Produktion entalkoholisierter Weine als auch die bewusste Entscheidung dagegen können im Einklang mit einer konsequenten Nachhaltigkeitsstrategie stehen.
Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und werden von uns gleichermaßen unterstützt. Gleichzeitig beobachten wir, dass der Markt für Low- und No-Alkohol-Produkte aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen dynamisch wächst. Auch wenn diese Kategorie teils noch eine Nische darstellt, wird sie von zunehmend mehr Akteuren erschlossen. FAIR’N GREEN betrachtet dieses Segment als einen relevanten Baustein, der unseren Mitgliedern im Zuge der wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit helfen kann, zukunfts- und wettbewerbsfähig zu bleiben.
Wir begrüßen daher grundsätzlich die Diversifizierung des Portfolios durch entalkoholisierte und alkoholreduzierte Produkte im Sinne einer innovativen Weiterentwicklung. Da wir uns der energetischen Herausforderungen des Entalkoholisierungsprozesses vollauf bewusst sind, drängen wir hierbei nachdrücklich auf die Berücksichtigung ökologischer Nachhaltigkeitsaspekte.
Unsere Kernbotschaft
Entalkoholisierte Weine können je nach individueller Unternehmenssituation ein sinnvoller Baustein zur Diversifizierung sein. Gleichzeitig unterstützen wir Betriebe, die ihre Zukunft in der innovativen Weiterentwicklung klassischer, alkoholhaltiger Weine sehen.
Wichtig ist: Um dem Ziel von FAIR’N GREEN einer ganzheitlichen Nachhaltigkeit gerecht zu werden, muss die Produktion entalkoholisierter Weine aufgrund des hohen Energieeinsatzes mit kontinuierlicher energetischer Optimierung einhergehen.
Ausgangslage: Innovation in einem traditionsreichen Sektor
Der Konsum von alkoholhaltigem Wein ist weltweit rückläufig, während die Nachfrage nach Low & No-Alkohol-Produkten steigt. Dies ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein fundamentaler Wandel im Konsumverhalten, getrieben durch gestiegenes Gesundheitsbewusstsein, die „Sober Curious“-Bewegung und den demografischen Wandel. Als Akteur entlang der gesamten Wertschöpfungs-kette analysieren wir die Lage wie folgt:
- Handel & Absatz: Fachhandel, Gastronomie und Lebensmitteleinzelhandel (LEH) fordern diese Produkte aktiv ein, um Kundenbindung zu sichern und neue Käuferschichten zu erreichen.
- Spannungsfeld Tradition und Innovation: Die Weinbranche ist traditionell geprägt. Wein ist ein Kulturgut und wird seit jeher mit Alkoholgenuss assoziiert. Dennoch haben sich Produkte hinsichtlich Verfahren, Qualität und Vermarktung stetig weiterentwickelt. Grundlegende Veränderungen am Produkt stoßen in der Branche nachvollziehbar auf Bedenken. Vor dem Hintergrund der Historie dieses Produkts begegnen Teile der Branche dem Entzug des Aromastoffs Ethanol sowie den in der Vergangenheit schwankenden Qualitäten entalkoholisierter Weine noch mit Skepsis.
Ökonomische Dimension
Im Sinne unserer ersten Säule bewerten wir entalkoholisierten Wein positiv:
- Marktzugang: Er ermöglicht den Zugang zu Zielgruppen, die für den klassischen Weinbau bisher kaum erreichbar waren (z. B. Schwangere, Autofahrer, religiös motivierter Verzicht, verändertes Konsumverhalten anderer Generationen).
- Risikostreuung (Resilienz): Die Diversifizierung des Portfolios dient der wirtschaftlichen Absicherung unserer Mitglieder gegen Marktschwankungen im alkoholhaltigen Segment.
- Wertschöpfung: Eine Veredelung im Inland stärkt die regionale Wirtschaftskraft.
Ökologische Dimension
Hier liegt die größte Herausforderung. Die Entalkoholisierung (meist via Vakuumdestillation, Schleuderkegelkolonne oder Membranfiltration) ist ein energieintensiver Prozess.
- Energieaufwand: Aktuelle Studien belegen den signifikanten Energiebedarf der Entalkoholisierung. Dabei steigt der Energieeinsatz, je geringer der Restalkoholgehalt im Endprodukt ausfällt. Hinzu kommt oft der Transport des Grundweins zu spezialisierten Entalkoholisierungsanlagen (Tanklogistik), da kaum ein Weingut diese Technologie vor Ort besitzt.
- Ressourceneffizienz: Um die gleiche Menge Endprodukt zu erhalten, wird mehr Grundwein benötigt (Volumenverlust durch Alkoholentzug ca. 10–15 %).
- Kreislaufwirtschaft: Das anfallende Restprodukt darf kein Abfall sein, sondern ist ein Wertstoff (Nutzung als Industriealkohol oder Spirituosenbasis). Eine konsequente Kreislaufführung ist hier zwingend erforderlich
Der Verweis auf den Energieverbrauch darf kein pauschales Ausschlusskriterium gegen die Produktkategorie sein. Vergleicht man den CO₂-Fußabdruck von entalkoholisiertem Wein mit anderen alkoholfreien Getränken (Säfte, Softdrinks mit Pasteurisierung und Kühlkette), relativiert sich der Mehraufwand zum Teil. Dennoch muss das Ziel lauten: Hohe Effizienz bei der Entalkoholisierung durch Nutzung regenerativer Energien.
Gesellschaftliche Dimension
FAIR’N GREEN bekennt sich zum verantwortungsvollen Weingenuss (Wine in Moderation).
- Moderater Weingenuss: Entalkoholisierte Produkte leisten einen aktiven Beitrag zur Wine in Moderation-Strategie. Als Teil eines gemischten Konsumverhaltens ermöglichen sie Genuss, ohne dass Konsumenten auf das Kulturgut Wein verzichten müssen.
- Soziale Inklusion: Sie ermöglichen die Teilhabe an gesellschaftlichen Anlässen (Anstoßen, Genusskultur) für Menschen, die keinen / weniger Alkohol trinken dürfen oder wollen
- Tradition und Moderne: Entalkoholisierte Produkte bilden auf den ersten Blick ein Gegenstück zur Ursprünglichkeit des Weins. Gleichzeitig muss anerkannt werden, dass Innovation schon immer Teil der Weingeschichte war. Angesichts politischer Diskussionen zur Alkoholprävention kann dieses Produkt dazu beitragen, das Kulturgut Wein auch in Gesellschaftsschichten zu tragen, die dem Alkoholkonsum kritisch gegenüberstehen.
Unsere Leitlinien für entalkoholisierte Weine
- Züchtung und Weinbau: Die Branche muss gemeinsam mit der Pflanzenzüchtung daran arbeiten, weniger Alkohol im Grundprodukt zu erzeugen. Durch den Klimawandel steigen die Zuckerwerte in den Trauben, was zu höheren Alkoholgehalten führt. Ziel muss die Entkopplung von Zucker- und Aromareife sein, um physiologisch reife Trauben mit niedrigerem Zuckergehalt zu ernten. Je weniger Alkohol der Grundwein enthält, desto geringer ist der Energieeinsatz zur Entalkoholisierung.
- Technologieoffenheit bei gleichzeitiger Effizienz: Wir befürworten die Herstellung, fordern aber von unseren Mitgliedern und deren Dienstleistern mittelfristig den Einsatz erneuerbarer Energien in den Entalkoholisierungsanlagen (Scope 2 & 3 Emissionen).
- Verhältnismäßigkeit von Energieeinsatz und Alkoholrest: Der Energieaufwand der Entalkoholisierung steigt exponentiell, je stärker der Alkoholgehalt gegen 0,0 % vol gesenkt wird. Da geringe Alkoholmengen (bis ca. 0,5 % vol) auch in Grundnahrungsmitteln wie Säften oder Brot natürlich vorkommen und physiologisch unbedenklich sind, plädieren wir für einen pragmatischen Ansatz. Aus Nachhaltigkeitsgründen sollte die Kommunikation den ökologischen Vorteil der klassischen Alkoholfreiheit (< 0,5 % vol) und den alkohol-reduzierten Varianten gegenüber der energieintensiven 0,0 %-Variante hervorheben, sofern keine strikten medizinischen oder religiösen Gründe dagegen sprechen.
- Transparenz: Wenn Zusatzstoffe (z. B. zur Stabilisierung oder Aromatisierung) nötig sind, muss dies transparent kommuniziert werden. FAIR’N GREEN steht für möglichst naturnahe Produkte. Ein hochtechnisches Produkt darf nicht als Naturprodukt romantisiert werden.
- Ganzheitliche Betrachtung: Wer entalkoholisierten Wein produziert, sollte an anderer Stelle (z. B. Flaschengewicht, Verpackung, Logistik) die möglichen Einsparpotenziale nutzen, um den Energieaufwand so weit wie möglich zu kompensieren.
Fazit
Entalkoholisierter Wein steht nicht im Widerspruch zur Nachhaltigkeit, sofern er als Teil einer modernen Strategie verstanden wird, die energetische Herausforderungen nicht ausblendet, sondern aktiv adressiert.
Trotz der höheren Verarbeitungstiefe leisten diese Produkte einen entscheidenden Beitrag, das Kulturgut Wein zukunftsfähig zu halten und neue Zielgruppen zu erschließen. Als Verband für ganzheitliche Nachhaltigkeit begleitet FAIR’N GREEN seine Mitglieder und Partner engagiert auf diesem Weg der Transformation.
– Der FAIR and GREEN e. V. setzt sich für eine ganzheitlich nachhaltige Weinwirtschaft ein und vereint über 190 Unternehmen, darunter Weinbaubetriebe, Weinfachhandel und Wertschöpfungspartner. –
Kontakt:
Lukas Müller
Referent Verband & Politik
Tel.: +49 (0) 228 / 76 37 85 09
Mail: lukas.mueller[at]fairandgreen.com
www.fairandgreen.de
Hier finden Sie das Positionspapier zum Download als PDF: Positionspapier zu entalkoholisierten Weinen