FAIR'N GREEN Nachhaltigkeitstag 2025
Am 27. November fand der diesjährige FAIR’N GREEN Nachhaltigkeitstag im malerischen Ambiente des Weinguts am Nil statt. Zahlreiche nachhaltig wirtschaftende Weinbaubetriebe, Fachhändler, Partner entlang der Wertschöpfungskette sowie Akteure aus Forschung und Beratung nutzten das jährliche Fachsymposium, um sich über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Chancen im nachhaltigen Weinbau auszutauschen.
Unter dem Schwerpunktthema „Zukunftsmärkte erschließen: Innovative Vermarktung für nachhaltige Betriebe“ standen insbesondere Vertriebsstrategien, Konsumententrends und neue Produktwelten im Fokus. Nach der Eröffnung durch Dr. Keith Ulrich (Vorstandsvorsitzender FAIR’N GREEN) und Till Tempel (Weingut am Nil) begannen die abwechslungsreichen Fachvorträge.
Demografischer Wandel und neue Zielgruppen
Zum Auftakt skizzierte Eberhard Abele (Deutsches Weininstitut) die derzeit gravierenden Veränderungen im Konsumverhalten: Es lässt sich klar verzeichnen, dass die jungen Menschen weniger Wein trinken. Er zeigte in seinem Vortrag auch auf, dass der Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund wächst und wies darauf hin, dass dieser Anteil oft aus religiösen keinen Alkohol konsumiert. Der Weinmarkt sollte diese wachsende Gruppe jedoch als Chance betrachten und sein Angebot entsprechend breiter aufstellen, zum Beispiel durch die Erschließung des stark wachsenden Marktes alkoholfreier Produkte.
Prof. Dr. Simone Loose (Hochschule Geisenheim) verdeutlichte anschließend den demografischen Druck auf den Weinmarkt: Die Babyboomer stellen rund 75 % der Weinkäufer, doch die nachfolgenden Generationen können diese Mengen nicht ersetzen. Für Weingüter bedeutet dies: Wachstum findet nur durch Neukundengewinnung statt.
Sie zeigte anhand betrieblicher Kennzahlen auf, welche Faktoren erfolgreiche Betriebe vereinen:
- konsequente Kundenorientierung und aktives CRM
- Investitionen in modernen Vertrieb – vor allem digital
- klare Markenführung und professionelle Kommunikation
Simone Loose betonte, dass für moderne Betriebe ein strukturiertes Controlling unerlässlich ist: „Der Wert eines Betriebes sind nicht mehr seine Weinberge oder die Gebäude, sondern der Kundestamm.“
Auch auf das Thema Export als strategische Ausrichtung eines Betriebes ging sie ein. Hier verdeutlichte sie aber, dass ein effizientes Warenwirtschaftssystem dabei unverzichtbar sei und erst wenn alle Prozesse „zu Hause“ stimmten, sich Export lohne. „Export ist Vertrieb für Fortgeschrittene“, betonte Prof. Loose abschließen.
Neue Produkte für neue Konsumenten
Manu Fischer (Defining Taste) forderte die Branche dazu auf, mutiger zu werden: Junge Konsumenten bräuchten keine geschmackliche Exzellenz als „geheimen Joker“, sondern ein stimmiges Gesamtkonzept. Erfolgreiche alternative Produkte, wie etwa Kräuterlimonaden, aromatisierte Weine oder moderne Mischgetränke leben von klarer Positionierung, emotionalem Storytelling und einer starken Marke.
Weingüter sollten sich ruhig die Fragen stellen: “Was wünschen sich junge Konsumenten und wie entwickelt man Produkte, die wirklich relevant sind?”
In der Podiumsdiskussion unter dem Titel “Wie sieht die Weinbranche 2035 aus?” mit Prof. Loose, Eberhard Abele, Manu Fischer unter Moderation von Dr. Keith Ulrich wurde optimistisch, aber realistisch auf die kommenden zehn Jahre geblickt und zentrale Zukunftsfragen der Branche intensiv beleuchtet. Prof. Simone Loose betonte, dass jene Betriebe erfolgreich sein werden, denen es gelingt, echte Kundennähe herzustellen und ihre Zielgruppen zu begeistern. Dies gehe Hand in Hand mit einer notwendigen Umstrukturierung der Rebflächen. Eberhard Abele ergänzte, dass die Weinbranche insgesamt zwar kleiner, zugleich aber leistungsfähiger werden wird. Junge Menschen blieben dem Wein weiterhin zugewandt, vorausgesetzt, das Erlebnis rund um das Produkt stimme. Manu Fischer hob hervor, dass jene Betriebe vorne liegen werden, die den Spagat zwischen traditionellem Weinbau und innovativen Produktwelten meistern.
Ein weiteres Thema war die Verpackung als potenzieller Innovationstreiber: Kleinere Formate wie Dosen oder handliche Flaschen könnten neue Konsumsituationen erschließen, insbesondere in urbanen Räumen, in denen unkomplizierter, spontaner Konsum gefragt ist. Schließlich wurde deutlich, wie wichtig eine klare Positionierung ist: Jeder Betrieb sollte in der Lage sein, seinen eigenen USP prägnant zu formulieren oder wie es in der Diskussion hieß: „Warum lohnt es sich, deinen Wein zu kaufen?“ Eine Antwort darauf müsse innerhalb von 30 Sekunden möglich sein.
Digitale Sichtbarkeit: Website, Newsletter, Social Media
Viktoria Fromm (Wineworlds) zeigte, wie wichtig ein professioneller digitaler Auftritt ist. Die Website sei „das Schaufenster des Betriebs“ und müsse klar kommunizieren, was ein Weingut besonders macht. Eine schöne Anekdote, die sie hierzu erzählt ist:
“Bei unseren Erstgesprächen fragen wir immer: ‘Was macht euch als Weingut einzigartig?’ und 95% beantworten diese Frage mit: ‘Wir sind ein Familienbetrieb!’ Aber wisst ihr was? Das macht euch nicht einzigartig. Denn Familienbetriebe sind eure Nachbarn auch!”
In einem sehr interessierten Vortrag ging sie dann darauf ein, welche Kommunikationskanäle es für ein Weingut gibt, wie die do’s and dont’s aussehen und welche Kriterien eine gute Website ausmachen, nämlich:
- sichtbare Zertifizierungen wie FAIR’N GREEN
- aktuelle Inhalte
- klarer Zugang zum Shop
- personalisierte Newsletter und Angebote
- authentische Social Media Präsenz
- Best Practice: emotionale, menschliche Kommunikation
Stefan Zindler von der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH betonte in seinem sehr spannenden Beitrag die wirtschaftliche Bedeutung des Weintourismus: Besucher eines Bundeslands besuchen im Durchschnitt mindestens ein Weingut – und Weinbetriebe tragen rund 18 % zum touristischen Gesamtumsatz bei. Wichtige Schlüsselthemen für eine Region sind daher: Wein & Kulinarik, Kultur, Erleben, Wellness – ergänzt durch Nachhaltigkeit und Regionalität. Mit spannenden und kundenorientierten Tourismusangeboten, wie z. B. Weinwanderwegen, Wein-Escape-Touren oder Rebpatenschaften können die Weingüter einen neuen Point of Sale etablieren und so neue Kundengruppen ansprechen.
Zum Abschluss beleuchtete Diego Weber betriebswirtschaftliche Aspekte: Der Wert eines Betriebs bemesse sich am „Zahlungsstrom“. Wer im Weinbau bestehen wolle, müsse unternehmerisch handeln. Provokant schlussfolgerte er: „Jammern ist keine unternehmerische Aktivität.“
In einer lebhaften Diskussionsrunde mit Andrea Wirsching (Weingut Hans Wirsching), Klaus Schneider (Präsident Deustcher Weinbauverband), Jan Jansen (Weingut Gebert) und Thomas Schäfer (Weingut Heinrich Schäfer) wurde deutlich, wie unterschiedlich erfolgreiche Strategien aussehen können: vom konsequenten Wachstum über Innovationsprojekte (wie Bier-Wein-Hybride) bis hin zur strategischen Flächenreduktion bei gleichzeitiger Fokussierung. Das Thema Bewusstsein und Reduktion des Alkoholkonsums wurde ebenfalls offen diskutiert – mit Einblicken aus Wissenschaft, Gesundheitskommunikation und Marktbeobachtung.
Zum Abschluss lud FAIR’N GREEN alle Teilnehmenden ein, auch beim Nachhaltigkeitstag 2026 wieder im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis neue Impulse zu setzen und gemeinsam an einer nachhaltigen Zukunft des Weinbaus zu arbeiten.
